Glück
Was die Glücksforschung sagt, und was Ananda ist
Über das Glück wird heute viel geschrieben. Psychologen, Therapeutinnen und Ratgeber sagen, was Menschen brauchen, um glücklich zu sein. Diese Seite stellt zuerst ihre wichtigsten Antworten vor, mit Quellen. Dann stellt sie ihnen etwas anderes gegenüber: Ananda, die Wonne in Satchidananda. Sie muss nicht hergestellt werden, weil sie immer schon da ist.
Was die Fachleute sagen
Seit etwa fünfzig Jahren wird das Glück wissenschaftlich untersucht. Die bekanntesten Antworten in Kürze:
Martin Seligman: fünf Bausteine
Seligman gilt als Begründer der Positiven Psychologie. In seinem Buch „Flourish“ (2011) spricht er nicht mehr von Glück, sondern von Wohlbefinden und Aufblühen. Es hat bei ihm fünf Bausteine: angenehme Gefühle, Hingabe an eine Tätigkeit, gute Beziehungen, Sinn und das Gelingen eigener Vorhaben. Jeder Baustein lässt sich gezielt pflegen.
Mihaly Csikszentmihalyi: Flow
Die besten Augenblicke erleben Menschen, wenn sie ganz in einer Tätigkeit aufgehen. Die Aufgabe fordert, und die eigenen Fähigkeiten reichen gerade aus. Zeit und Selbstgefühl treten dabei zurück. Diesen Zustand nannte Csikszentmihalyi „Flow“ (Buch von 1990). Man kann ihn nicht erzwingen, aber seine Bedingungen schaffen.
Ed Diener: subjektives Wohlbefinden
Diener begründete die Messung des Glücks durch Befragung. Glück heißt bei ihm: mit dem eigenen Leben zufrieden sein, oft angenehme und selten unangenehme Gefühle haben. Es hängt von Temperament, Beziehungen, Gesundheit, Einkommen und Kultur ab.
Daniel Kahneman: zwei Selbste
Der Nobelpreisträger unterschied das erlebende Selbst, das den Augenblick fühlt, vom erinnernden Selbst, das im Rückblick urteilt. Beide können sich widersprechen. Mit Angus Deaton fand er 2010: Die Zufriedenheit mit dem Leben steigt mit dem Einkommen weiter an, das Gefühl im Alltag dagegen angeblich nur bis zu einer Grenze.
Sonja Lyubomirsky: die Glücksformel
Lyubomirsky und Kollegen teilten 2005 das Glück auf: etwa 50 Prozent Veranlagung, 10 Prozent Lebensumstände, 40 Prozent eigenes Handeln. Daraus folgt ihre Botschaft: Wer gezielt handelt, etwa dankbar und freundlich ist, kann dauerhaft glücklicher werden.
Robert Waldinger: Beziehungen
Die Harvard-Studie begleitet seit 1938 Hunderte von Männern und später ihre Familien durchs Leben. Ihr heutiger Leiter Waldinger fasst das Ergebnis so zusammen: Nicht Reichtum oder Ruhm sagen ein gutes Leben im Alter voraus, sondern die Wärme der engen Beziehungen (Buch „The Good Life“, 2023).
Carol Ryff: gelingendes Leben
Ryff knüpft an Aristoteles an. Glück ist für sie weniger ein Gefühl als ein gelingendes Leben. Sie nennt sechs Bereiche: sich selbst annehmen, gute Beziehungen, Selbstständigkeit, das eigene Leben im Griff haben, Lebenssinn und persönliches Wachstum (1989).
Die Tretmühle der Gewöhnung
Philip Brickman und Donald Campbell beschrieben 1971: Menschen gewöhnen sich an Gutes wie an Schlechtes und kehren zu ihrem gewohnten Glücksniveau zurück. In einer bekannten Studie von 1978 waren Lottogewinner nicht glücklicher als andere. Spätere Forschung zeigte, dass sich dieses Niveau doch dauerhaft verschieben kann.
Viktor Frankl: Sinn statt Glück
Der Wiener Psychiater überlebte mehrere Konzentrationslager. Für ihn ist die Grundkraft des Menschen der Wille zum Sinn. Wer das Glück direkt sucht, verfehlt es. Es stellt sich als Nebenwirkung ein, wenn man sich einer Aufgabe oder einem Menschen hingibt („… trotzdem Ja zum Leben sagen“, 1946).
Abraham Maslow: Bedürfnisse und Gipfelerlebnisse
Maslow beschrieb 1943 Bedürfnisse, die aufeinander aufbauen: Körper, Sicherheit, Zugehörigkeit, Wertschätzung, Selbstverwirklichung. Später sprach er von Gipfelerlebnissen, Augenblicken höchster Freude und Einheit.
Stimmen im deutschen Sprachraum
Eckart von Hirschhausen unterscheidet fünf Arten von Glück, mit der Gemeinschaft als Fundament („Glück kommt selten allein …“, 2009). Der Philosoph Wilhelm Schmid hält das Glück nicht für das Wichtigste im Leben und stellt den Sinn darüber (2007). Der Religionspädagoge Anton Bucher legte ein Handbuch zur Psychologie des Glücks vor (2009).
Der Weltglücksbericht
Der jährliche Bericht ordnet die Länder nach einer einzigen Frage: Wie nah ist Ihr heutiges Leben dem bestmöglichen, auf einer Leiter von 0 bis 10? Das Wort „Glück“ kommt in der Frage nicht vor. Erklärt werden die Unterschiede mit sozialem Rückhalt, Einkommen, gesunder Lebenserwartung, Freiheit, Großzügigkeit und wenig Korruption.
Was sich nicht gehalten hat
Einige Zahlen werden bis heute oft zitiert, obwohl die Forschung sie korrigiert hat:
- Die „40 Prozent“ Glück, die man selbst in der Hand habe, finden kaum eine Stütze in den Daten (Brown und Rohrer, 2019). Die Urheber räumten 2021 ein, dass es Schätzwerte waren.
- Die Einkommensgrenze von 75.000 Dollar wurde 2023 von Kahneman selbst, zusammen mit Matthew Killingsworth und Barbara Mellers, korrigiert. Sie gilt nur für die unglücklichste Gruppe.
- Die „Positivitätsquote“ von 2,9 angenehmen auf ein unangenehmes Gefühl beruhte auf fehlerhafter Mathematik. Ihr Rechenteil wurde zurückgezogen (Brown, Sokal und Friedman, 2013).
- Die berühmte Bedürfnispyramide stammt nicht von Maslow. Sie wurde später in der Managementlehre gezeichnet (Bridgman und andere, 2019).
Was diese Antworten gemeinsam haben
So verschieden die Ansätze sind, in einigen Punkten stimmen sie fast alle überein. Glück wird erfragt: Menschen geben selbst an, wie sie ihr Leben bewerten und wie sie sich fühlen. Glück hängt von Bedingungen ab, von Veranlagung, Einkommen, Gesundheit, Freiheit und vor allem von Beziehungen. Glück gilt als steigerbar, durch Übung, gute Gewohnheiten oder bessere Politik.
Und Glück ist etwas, das entsteht und wieder vergeht. Auch dort, wo es nur als Nebenwirkung von Sinn und Hingabe gilt, bei Frankl oder Csikszentmihalyi, kommt es und geht. Gesucht wird es im Menschen, in seinen Gefühlen und Urteilen, und in seinen Umständen.
Das ist kein Mangel dieser Forschung. Sie beschreibt sorgfältig das Glück, das Menschen erleben, wenn die Dinge gut stehen. Die alte indische Lehre kennt dieses Glück auch. Sie gibt ihm aber einen anderen Platz.
Ananda: die Wonne, die nicht entsteht
Ananda ist das dritte Glied in Sat-Chit-Ananda: Sein, Bewusstsein, Wonne. Das Wort bedeutet im Sanskrit zunächst einfach Freude. In der Lehre der Upanishaden bezeichnet es aber nicht ein Gefühl, das ein Mensch hat. Es bezeichnet das Wesen dessen, was ist.
Er erkannte: Wonne ist Brahman. Denn aus Wonne werden diese Wesen geboren. Durch Wonne leben die Geborenen. In Wonne gehen sie ein, wenn sie dahinscheiden.Taittiriya-Upanishad 3.6, eigene Übertragung aus dem Sanskrit
Dieselbe Upanishad stellt eine Leiter der Freude auf (2.8). Sie beginnt bei einem jungen Menschen, gesund, stark, gebildet, dem die ganze Erde mit allem Reichtum gehört. Das ist eine Einheit menschlicher Freude. Jede Stufe darüber ist hundertfach größer, bis zur Wonne Brahmans. Und bei jeder Stufe heißt es: Diese Wonne hat auch der Kundige, der nicht vom Begehren getroffen ist. Die höchste Wonne hängt also nicht vom Haben ab. Sie wächst in dem Maß, in dem das Begehren zur Ruhe kommt.
Die Chandogya-Upanishad sagt es noch knapper: „Was die Fülle ist, das ist Glück. Im Geringen ist kein Glück.“ (7.23). Fülle, bhuman, ist dort, wo man nichts anderes sieht, hört und erkennt. Wo es ein Anderes gibt, das man braucht, ist das Geringe. Der Kommentator Shankara erklärt: Das Geringe weckt immer neuen Durst, und Durst ist der Same des Leidens.
Die Brihadaranyaka-Upanishad nennt diese Wonne ein Meer ohne Zweites und fügt hinzu: Alle anderen Wesen leben von einem kleinen Teil eben dieser Wonne (4.3.32). Jede gewöhnliche Freude wäre danach ein Tropfen aus diesem Meer.
Sri Aurobindo hat diese Lehre in „Das Göttliche Leben“ ausgeführt, in den Kapiteln „Seins-Seligkeit: Das Problem“ und „Seins-Seligkeit: Die Lösung“. Die Wonne des Seins ist für ihn allumfassend, grenzenlos und aus sich selbst bestehend, nicht abhängig von besonderen Ursachen. Lust und Schmerz sind nicht ihr Gegenteil, sondern Strömungen, die aus ihr hervorgehen, wenn das Bewusstsein sich im Ich begrenzt. Die Dinge sind nicht die Ursache der Freude, sondern ihr Spiegel. Und die Welt ist Lila, ein Spiel der Freude am eigenen Sein.
Ramana Maharshi antwortet auf die Frage, was Glück sei: Glück ist die Natur des Selbst. In keinem Gegenstand liegt Glück. Wenn ein Wunsch erfüllt ist, kommt der Geist für einen Augenblick zur Ruhe und erfährt das Glück, das er selbst ist. Wir schreiben es dann dem Gegenstand zu.
Gegenüberstellung
Die beiden Sichtweisen beantworten verschiedene Fragen. Nebeneinander gestellt werden die Unterschiede deutlich:
| Glück in der Glücksforschung | Ananda | |
|---|---|---|
| Was ist es? | Ein Gefühl oder ein Urteil über das eigene Leben | Das Wesen des Seins, das dritte Glied von Satchidananda |
| Wo liegt es? | Im Menschen und in seinen Umständen | Im Grund, in dem alles geschieht, und darum auch im Menschen |
| Woher kommt es? | Aus Bedingungen: Veranlagung, Beziehungen, Gesundheit, Einkommen, Sinn | Aus nichts anderem. Es ist aus sich selbst und braucht keine Ursache |
| Wie lange währt es? | Es kommt und geht. Man gewöhnt sich daran | Es ist immer da. Verdeckt sein kann es, verloren gehen nicht |
| Was führt dorthin? | Übung, gute Gewohnheiten, Pflege der Beziehungen, bessere Umstände | Nichts muss hergestellt werden. Es wird erkannt, wenn das Begehren zur Ruhe kommt |
| Und das Leid? | Das Gegenteil des Glücks, das man verringern will | Eine Strömung, die aus der begrenzten Sicht des Ichs entsteht, nicht das Gegenteil des Grundes |
| Lässt es sich messen? | Ja, durch Befragung, auf Skalen von 0 bis 10 | Nein. Worte und Denken kehren um, ohne es zu erreichen (Taittiriya-Upanishad 2.9) |
Was daraus folgt
Die Glücksforschung hat recht mit dem, was sie beschreibt. Gute Beziehungen, Gesundheit und eine sinnvolle Aufgabe machen das Leben leichter und heller. Wer sie pflegt, tut gut daran. Die Upanishaden würden sagen: Das ist das Glück im Geringen, und es ist ein Tropfen aus dem Meer.
Ananda dagegen muss nicht erworben, gesteigert oder gesichert werden. Es ist der Grund, aus dem jede einzelne Freude kommt. Darum geht es nicht darum, einen Augenblick der Wonne zu erleben, sondern dauerhaft in der Haltung zu sein, dass Sein, Bewusstheit und Freude immer da sind. Diese Möglichkeit steht in jedem Moment offen, auch dann, wenn die Umstände nicht gut sind.
Mehr über den Grund selbst steht auf der Seite über Satchidananda. Zur Seite Satchidananda →
Quellen
- Seligman, M. E. P. (2011). Flourish. New York: Free Press.
- Csikszentmihalyi, M. (1990). Flow: The Psychology of Optimal Experience. New York: Harper & Row.
- Diener, E. (1984). Subjective well-being. Psychological Bulletin, 95, 542–575.
- Kahneman, D., & Deaton, A. (2010). High income improves evaluation of life but not emotional well-being. PNAS, 107(38). pmc.ncbi.nlm.nih.gov
- Killingsworth, M. A., Kahneman, D., & Mellers, B. (2023). Income and emotional well-being: A conflict resolved. PNAS, 120(10). doi:10.1073/pnas.2208661120
- Lyubomirsky, S., Sheldon, K. M., & Schkade, D. (2005). Pursuing happiness. Review of General Psychology, 9(2), 111–131.
- Brown, N. J. L., & Rohrer, J. M. (2020). Easy as (happiness) pie? Journal of Happiness Studies, 21. link.springer.com
- Waldinger, R., & Schulz, M. (2023). The Good Life. New York: Simon & Schuster. adultdevelopmentstudy.org
- Ryff, C. D. (1989). Happiness is everything, or is it? Journal of Personality and Social Psychology, 57(6), 1069–1081.
- Brickman, P., Coates, D., & Janoff-Bulman, R. (1978). Lottery winners and accident victims. Journal of Personality and Social Psychology, 36(8). Diener, E., Lucas, R. E., & Scollon, C. N. (2006). Beyond the hedonic treadmill. American Psychologist, 61(4).
- Frankl, V. E. (1946). … trotzdem Ja zum Leben sagen. Wien.
- Maslow, A. H. (1943). A theory of human motivation. Psychological Review, 50, 370–396. psychclassics.yorku.ca. Bridgman, T., Cummings, S., & Ballard, J. (2019). Who built Maslow’s pyramid? Academy of Management Learning & Education, 18(1).
- Hirschhausen, E. von (2009). Glück kommt selten allein … Reinbek: Rowohlt. Schmid, W. (2007). Glück. Frankfurt am Main: Insel. Bucher, A. A. (2009). Psychologie des Glücks. Weinheim: Beltz.
- World Happiness Report. worldhappiness.report
- Brown, N. J. L., Sokal, A. D., & Friedman, H. L. (2013). The complex dynamics of wishful thinking. American Psychologist, 68(9), 801–813.
- Taittirīya-Upaniṣad 2.5–2.9 und 3.6; Chāndogya-Upaniṣad 7.23–7.24; Bṛhadāraṇyaka-Upaniṣad 4.3.32–33. Sanskrit: GRETIL, Göttingen. Englisch: F. Max Müller, Sacred Books of the East, Bd. 1 und 15. sacred-texts.com
- Sri Aurobindo, The Life Divine, Buch I, Kapitel 11 und 12 (deutsch: „Das Göttliche Leben“, „Seins-Seligkeit: Das Problem“ und „Seins-Seligkeit: Die Lösung“).
- Ramana Maharshi, „Wer bin ich?“ (Nan Yar), Frage 24. arunachala.org
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